Zurück in die Zukunft

Von der großen Kinokultur der Nachkriegszeit blieben oft nur die Fassaden. Anna Maske vom Berliner Architekturbüro Maske + Suhren will das nun ändern.

Die Hölle, so schrieb der französische Philosoph Jean Paul Satre, das sind die anderen. Mit Satres L’ Enfer c’est les autres lässt sich treffend jede Kinogängerbefragung titeln. Schlechte Sicht, Bild oder Ton vermögen das Vergnügung zwar zu trüben, aber nichts stört den Cineasten mehr als ein nerviger Nachbar. Es bleibt rätselhaft, warum Lichtspielhäuser Lebensmittel wie Nachos oder Popkorn anbieten. Zwar geschieht dies gehäuft in großen Multiplexen, aber gefeit ist der Cineast vor störenden Begleiterscheinungen nirgendwo. Das Berliner Architekturbüro Maske und Suhren fand auf das Problem eine überzeugende Antwort. Kinos müssen in ihrer Größe wieder überschaubarer und stärker auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Konsumenten ausgerichtet sein. Mit der Astor Lounge am Kurfürstendamm gab das Büro den Standard vor. Durch die Breite der Sitze und eine doppelte Armlehne entstand eine angenehme Distanz, die den Anderen fast automatisch in ein gutes Licht setzt. Die Architekten saßen in zahlreichen Kinos Probe, um für unterschiedliche Säle und Funktionsabläufe immer die optimalen Reihenabstände zu finden. Derzeit arbeitet Maske und Suhren an der Planung des traditionsreichen Berliner Premierenkinos ZooPalast. Dazu Anna Maske, Geschäftsführende Gesellschafterin vom Berliner Architekturbüro Maske + Suhren.

 

In Umfragen gaben Kinozuschauer an, was sie am meisten stört: die anderen Zuschauer. Wie geht man als Architekt an so ein Problem heran?

Die Frage ist ja, WAS einem an den anderen Zuschauern stört. Meist ist es die Nähe, die Art der Zuschauer, vielleicht sind es auch die Gewohnheiten. Was die Nähe betrifft, so lässt sich durch die Breite der Sitze und eine doppelte Armlehne meist schon eine angenehme Distanz schaffen. Zudem: wenn ich den Anderen in ein “gutes Licht” setze, werde ich ihn anders wahrnehmen, d.h. Stimmung und Atmosphäre spielen eine große Rolle. Diese zu schaffen, ist eine unser wesentlichen Aufgaben. Wesentlich ist aber wohl, dass viele sehr unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in den großen Multiplexen aufeinandertreffen, das passiert sonst eher selten. Wenn der Ort keine Bindung zwischen Ihnen schaffen kann, wird es anstrengend. Eine einfache Antwort ist, die Kinos in ihrer Größe wieder überschaubarer zu machen und sie stärker auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Konsumenten auszurichten. Dann können sich soziale Plätze bilden, an denen man Menschen trifft und ihnen nicht mehr aus dem Weg gehen muss.

 

In der Astor Lounge in Berlin gibt es mehr Abstand und Beinfreiheit. Gab es hierfür eine Aufgabenstellung vom Betreiber?

Die gab es ganz klar. Achim Flebbe hat viele Anmerkungen zu seinen Kinos erhalten. Die hat er ausgewertet und zudem das vorgegeben, was für Ihn einen angenehmen Kinoabend ausmacht. Die Vorgaben haben wir damals nach den Möglichkeiten des Raumes umgesetzt. Inzwischen haben wir in zahlreichen Kinos probegesessen und gemessen und suchen für die unterschiedlichen Säle und Funktionsabläufe immer die optimalen Reihenabstände.

 

Wie lässt sich das Filmereignis alter Zeiten im Kino rekonstruieren – Back to the Future?

Zuerst einmal muss im Mittelpunkt stehen, dass der Zuschauer kommt, um einen schönen oder auch besonderen Abend zu erleben. Er wird also empfangen. Er findet Angebote, die ihn interessieren können, Nischen zum Verweilen, eine Atmosphäre, die er bald nicht mehr missen möchte. Es geht um ihn, deshalb erhält das Foyer, erhält der Saal eine ansprechende und forthin gepflegte Gestaltung. Deshalb gibt es im Kino Zeit und Inszenierung für ihn, zum Beispiel in der Lichtshow.

 

Ist das Popkorn – und Nacho-Kino am Ende?

Nein, das ist es nicht. Es gibt viele Menschen, die das mögen und lieben, vielleicht nur für eine bestimmte Zeit in ihrem Leben, aber jedenfalls für diese.

Kino muss Spaß machen, und Popcorn gehört für viele mit dazu. Also wird es sich halten und wahrscheinlich durch andere Angebote immer wieder ergänzt werden. Es ist ein Klassiker. Aber es gibt auch Menschen, die die Folgen von übervollen Popcorntüten nicht so sehr schätzen. Für diese Menschen gibt es Kinos ohne Popcorn.

 

Welche Pläne wollen Sie mit dem ZooPalast verwirklichen?

Wir wollen ein Premium Multiplex bauen. Also ein Kino für sehr viele Menschen, das aber trotzdem ein Ort für den Besucher ist. Das Erlebnis wird zusammen mit dem Film im Mittelpunkt stehen. Die Räume sollen ebenso begeistern wie der Film, den man sich anschauen will. Es muss ein Zusammenspiel geben. Der ZooPalast wird der Berlinale wieder als komplex zu bespielendes Haus zur Verfügung stehen. Es wird viele Premieren und Filmempfänge geben.

 

Welches Konzept liegt dem Bau zugrunde?

Das Kino besteht aus zwei Bereichen, einem denkmalgeschützten Doppelkino, der sogenannten “Klappstulle”, und einem Neubaubereich. Die denkmalgeschützten Kinos werden, sofern Befunde noch vorliegen, denkmalgerecht saniert und mit Licht und anderen inszenatorischen Mitteln “aktualisiert”. Im Ganzen, besonders aber auch im Detail, wird man sich wieder für die Gesten des Kinos von ’57 begeistern können. Die Neubaukinos werden in diesem Kontext als Säle “mit Seele” gebaut, mit eigenem Charakter. Klar: der große Saal wird dominieren. Aber die kleineren Säle werden den Besuchern ebenfalls einen beeindruckenden und angenehmen Kinobesuch ermöglichen, mit Kinotechnik im “state of the art”.