Wo Tatort-Kommissar Haferkamp Bulletten aß

_MG_6155Der Essener Tatort “Fortuna III” ist eine Ausnahme. Die Folge wurde fast ausschließlich in Essen gedreht. Die gern in München und Umland produzierten Haferkamp-Tatorte spielten zudem selten im Arbeitermilieu. Essen als Arbeiterstadt und Industriestandort mit seinen Hochöfen, Bahn- und Industriegeländen diente eher als Kulisse für Verfolgungsjagden, die Haferkamp im Audi 80 L (E-MJ 957) oder im einem VW 1600 TL meisterte. Zwar inszenierten Episoden wie “Drei Schlingen” und “Ein Schuss zuviel” das Kleine-Leute-Milieu. Doch meist ermittelte Haferkamp in besseren Kreisen. Konsequenterweise entstanden die Innenaufnahmen jener Fälle, die der Publizist Eike Wenzel treffend “Wohnzimmerverbrechen” nannte, denn auch in München und Umgebung. So stand die Villa aus “Der Mann aus Zimmer 22″ nicht in Essen, sondern in München-Pasing. Nur gelegentlich kamen beschauliche, bürgerliche Viertel von Essen wie Magarethenhöhe, das mondäne Schlosshotel Hugenpoet oder das Parkhaus Hügel am Baldeneysee ins Bild. Hier brannte in „Zwei Leben“ ein Briefkasten. Zu sehen waren Essener Sehenswürdigkeiten wie das Aalto-Theater, das Ronald-McDonald-Haus von Hundertwasser und der Burgplatz mit der Johanneskirche. In “Treffpunkt Friedhof” ist die Kapelle des Friedhofs an der Viktoriastraße in Katernberg zu sehen.
Hundert Prozent Ruhrgebiet, ist aber nur “Fortuna III”. Hans Georg Bullmann, Inhaber der ehemaligen Vereinskneipe der “SF Katernberg” schwärmt noch heute von den Dreharbeiten in der Kneipe (Bild oben), die er 1976 als 18jähriger miterlebte. “Der Felmy und der Semmelrogge, die kamen noch Jahre danach zum Essen her. Die Frikadellen, die er immer im Tatort isst, die hat er auch privat wirklich gern gegessen.” IMG_1685Der Darsteller des Kommissar Haferkamp (Bild links, während der Dreharbeiten) mochte es nicht nur im Tatort deftig. Grünkohl mit Mettwurst, Spiegelei, Buletten mit Senf. Dazu ein Altbier mit Korn. Eine zu Unrechts als Langweiler gescholtene Beamtenfigur mit gepflegter Erscheinung, gewissenhaft, mit tadellosen Umgangsformen und perfekter Selbstbeherrschung – ein diametraler Gegenentwurf zu seiner Nachfolgefigur Horst Schimanski. Wenn die beiden etwas einte, dann ihr Singledasein. Haferkamp war geschieden, er lebte in einer ebenso großen wie düsteren Altbauwohnung. Haferkamp war intelligent, schlauer noch als seine meist elitären Kontrahenten im Tatort, denen nichts über die Wahrung der Fassade des schönen Scheins ging. Stets an seiner Seite der selbstlos loyale Kumpel-Kommissar Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge). “Das war eine schöne Zeit”, sagt Bullmann. Er ist Erbe der alten Vereinskneipe, in der unter anderem eine Partyszene in “Fortuna III” gedreht wurden. “Das war ein Riesentumult damals. Rosie Mittermaier wurde Weltmeisterin, und das ganze Tatort-Team stand vorm Fernseher.” Fast drei Wochen hätten sie gedreht, und unter den Statisten sei auch ein gewisser Dieter Bohlen gewesen. Bullmann schließt die alte Kneipe auf. Seit Jahren ist hier niemand drin gewesen. Er zieht die Rolladen hoch, und die altehrwürdige Pilskneipe erwacht aus ihrem Schneewitchenschlaf. Ein R6-Aschenbecher und eine Kiste Asbach Uralt verrät: hier ist die Zeit stehen geblieben. IMG_1676“Das war alles Naturholz früher”, sagt Bullmann und zieht einen Finger durch den Staub. Er weiß noch, wo die Darsteller damals gesessen haben. Hansjörg Felmy, Gracia-Maria Kaus oder Evelyn Palek. Einmal mussten sie die dreckigen Teller vom Mittagessen stehen lassen, weil noch eine Szene gedreht wurde, die nach dem Essen spielt.
Besonders der Produktionsleiter Richard Deutsch ist Bullmann in guter Erinnerung geblieben. “Das war wie eine große Familie.” Man spürt, dass es ihm weh tut, die Kneipe so verfallen zu sehen. Aber was soll er machen. “Die Gaststätte, die haben wir schon vor 20 Jahren drangegeben.” Zuletzt waren die Räume als Gaststätte vermietet. Als sich dann rausstellte, dass der Mieter in der Küche in Schaf hielt, rückte das Ordnungsamt an und machte den Laden dicht. Öfter wurde seitdem eingebrochen. “Obwohl hier nix zu holen ist”, sagt Bullmann. Seine Familie ist seit Jahrhunderten in Katernberg ansässig. Der Häuserblock am Lindenbruch gehört zu den Ersatzgrundstücken, welches die Bullmanns im Gegenzug für das Land erhielten, auf dem die Zeche Zollverein entstand. Heute restauriert Hans-Georg Bullmann Autos. Er ist auf Jeeps spezialisiert. Ob das Haus am Lindenbruch in ein paar Jahren noch steht, kann er nicht sagen. Seine Zeit ist abgelaufen, könnte man sagen. Die Kneipe teilt das Schicksal mit den Sportfreunden Katernberg. Möglich, dass der Club, der einst “Fortuna III war, den Lindenbruch bald für immer verlässt. Es laufen Fusionsgespräche mit einem anderen Verein.