Technik und Design des teutonischen Barock

Im Deutschen Technikmuseum Berlin steht der Nachbau eines Z1. Das von Konrad Zuse 1937 erbaute mechanische Rechenwerk gilt als Vorläufer des modernen Computers. Ein Staubsaugermotor treibt mechanische Schaltglieder an, die sich später im Betrieb ständig verhakten. Seine Aufgabe, Programme von gelochten Filmstreifen abzulesen, löste der erste Computer der Welt daher selten. Umso mehr beeindruckt seine Gestalt: Der Z1 ähnelt, wie auf dem Bild zu sehen, dem Modell einer mechanisierten, stählernen Stadt. Die Blaupause eines Teutonischen Barock, welches die Science-Fiction-Satire “Iron Sky” im Kanon des visuellen Filmdesigns etabliert. In “Iron Sky” besiedeln Nazis, denen 1945 die Flucht in selbstproduzierten “Reichsflugscheiben” gelang, die dunkle Seite des Mondes. Von dort aus bereiten sie sich unter ihrem Führer Wolfgang Kortzfleisch (Udo Kier) auf einen Angriff auf die Erde vor. Diesmal soll es endlich mit der Weltherrschaft klappen. Bei der Berlinale verriet mir “Iron Sky”-Erfinder Jarmo Puskala, dass ihm der vor “Iron Sky” fertig gestellte Zack Snyder-Film “Sucker Punch” (2011) einen Heidenschreck einjagte. Tatsächlich sind hier typische Ingredienzen des Teutonischen Barock zu besichtigen: Gewaltige Zeppeline, sowie Schergen in Feldgrau mit Sauerstoffmaske. Bei Zack Snyder bleibt dies aber Episode. “Iron Sky”-Regisseur Timo Vuorensola reizt Bedrohlichkeit, Schwärze und Düsternis des Teutonischen Barock über den gesamten Film hin aus. Dies gelang zuvor nur Steve Barker mit “Outpost” (2008), im dem ein vergessener Weltkriegsbunker als letzter Verteidigungsposten von Zombie-Soldaten dient, die ihre morbide Scheinexistenz der Nazi-Technologie der “Einheitlichen Feldtheorie” verdanken. Den Nazis in unzähligen Verschwörungstheorien angedichtete Geheimtechnologien spielen im Teutonischen Barock eine ebenso große Rolle wie das Zitat der architektonischen Ikonographie des Dritten Reichs. Die Versammlungshalle der Nazis auf dem Mond ironisiert Albert Speers “Große Halle”, im dem sich die Gebäudeflügel im Schatten der Kuppel hakenkreuzförmig anordnen. Die von “Helium 2″ angetriebene “Götterdämmerung” wiederum, eine Art fliegende Stadt und Flaggschiff der Invasoren, gemahnt in ihrer mechanischen Monstrosität an Zuses Rechenmonster Z1. In “Iron Sky” gibt es gleich den passenden Computerwitz dazu. Der von Tilo Prückner gespielte Nazi-Wissenschafter Doktor Richter will nicht glauben, dass das Smartphone eines gefangene US-Astronauten eine höhere Rechenleistung besitzt als seine Anlage. Er zeigt auf das dampfgetriebene Ungetüm von gewaltigen Ausmaßen und sagt: “DAS ist ein Computer.”

Erschienen im Architekturmagazin “Baumeister”, April 2012