Frankfurt, die Hauptstadt des Verbrechens

Am Main begann der Tatort mit “Frankfurter Gold”. In der 1971 ausgestrahlten Folge ermittelt der von Klaus Höhne gespielte Kriminalkommissar Konrad im Fall von Johannes Stein. Über den es gleich zu Beginn tadelnd heißt, das er zu jenen Leuten zählt, welche schon in jungen Jahren entdeckten, das Geld verdienen am angenehmsten ist, wenn man dabei wenig ins Schwitzen gerät. Stein (Bild unten) gilt als Finanzgenie, hat Bekannten mit Spekulationen an der Frankfurter Wertpapierbörse

Bildschirmfoto 2013-03-23 um 12.40.31mehrfach zu Gewinnen verholfen. Sein Erfolg gründete auf glanzvollen Sicherheiten: Goldbarren einer Schweizer Bank, hinterlegt in einem Frankfurter Tresor, notariell beglaubigt. Erst später erfahren die Zuschauer, dass Steins “Frankfurter Gold” jede Menge Blei und Kupfersulfat, aber nur winzige Spuren von Gold enthält. Der Besuch von Steins alter Wirkungsstätte zeigt, dass die im Tatort von 1971 zu sehende Fassade der Frankfurter Wertpapierbörse unverändert geblieben ist. Nur die Handelszeiten haben sich geändert. Anders das Bild im Innenraum. Hier offenbart sich das aus jeder Tagesschau bekannte Panorama des 2007 umgebauten Frankfurter Börsensaals. _MG_5193

In “Frankfurter Gold” ist ein völlig anderer Raum (s. unten) zu sehen. Eine hölzerne Handelstheke erstreckt sich über die gesamte Länge. Graugewandete Aktienhändler kritzeln in Notizbücher oder lesen Börsenkurse von Computern ab, die an frühe Fernseher erinnern. Wir wollen es genauer wissen und laufen einmal quer über die Hauptwache und besuchen Walter Ludwig, einem alteingesessenen Frankfurter Wertpapierhändler, in seinem Büro. Und er bestätigt es. Ja, so hat der alte Handelssaal wirklich mal ausgesehen. Er nickt dabei sinnig. Frankfurt, wie hast du dich verändert.

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“Nichts gegen die anderen Tatort-Städte”, sagt Yvonne Wassong. “Aber keine hat sich so gewandelt wie Frankfurt.” Wassong muss es wissen. Sie arbeitet seit Jahren als Location Scout für den Frankfurter Tatort, sucht spezielle Orte aus, in denen Regisseur und Szenenbildner die einzelnen Episoden inszenieren. Wenn beim Tatort Frankfurt auftaucht, ist die Chance hoch, dass Wassong die Kulisse Monate zuvor ausgekundschaftet hat. Sie sitzt in ihrem Lieblingscafé in Frankfurt-Sachsenhausen beim Tee. _MG_5301Hier gibt es noch viele Altbaubestand, denn im Zweiten Weltkrieg luden die alliierten Bomber ihre Fracht zumeist nördlich des Mains ab. So entstand ab 1945 dort ein neues Frankfurt. “Wir haben eine unglaubliche Vielfalt auf kleiner Fläche”, sagt Wassong. “Bauten aus den 50er Jahren, 60er, 70er, 80er und ganz neue.“ Den Blick für die besondere Location hat sich die gebürtige Rheinländerin selbst angeeignet. “Ich verfolge die Stadtentwicklung seit Jahren genau. Die 50er Jahre sind so gut wie wegsaniert, aber dafür gab es Ende der 90er einen Wandel, weil wir den Main städtebaulich integriert haben.”
Die Verschönerungsmaßnahmen am Flusslauf können aber nicht vertuschen, dass Frankfurt ein Imageproblem hat. Die zugigen Häuserschluchten zwischen den Banktürmen wirken kalt, und alljährlich weist die Statistik Frankfurt als “Hauptstadt des Verbrechens aus.” In der Tat muss man an einigen Ecken sich schon Glück haben, keinem Fixer oder Dealer zu begegnen. Den Tatort schert das Schmuddel-Image nicht – die Stadt wirkt dann umso authentischer. So bildet die prägnante Skyline eine perfekte Kulisse für den
Frankfurter Tatort. Die Außenaufnahmen sind besonders wichtig, da große Teile des Frankfurter Tatort in Berlin gedreht werden. Wassong hat einen guten Draht zur Stadtverwaltung, aber Drehgenehmigungen zu bekommen, sei jedes Mal eine Herausforderung. “Die Fläche ist sehr klein, Köln hat mehr Platz. Am Ende geht es aber immer irgendwie.” Außer mit der alten Großmarkthalle. Tolles Design, tolle Kulisse, dramatische Geschichte. Aber bei der Europäischen Zentralbank sei kein Durchkommen. Die erlauben keine Drehs. Da kann dann auch ein erfahrener Location-Scout wie Wassong nichts machen. Sie ist wie fast alle Location Scouts Seiteneinsteigerin. Nach dem BWL-Studium absolvierte Wassong ein Volontariat bei der ARD und arbeitete dann ab 1996 in Frankfurt zehn Jahre lang als Aufnahmeleitern. “Ich hab mich irgendwann zu alt gefühlt, um mit Headset und Klemmbrett rumzurennen”, erzählt sie. 2005 machte sich Wassong als Location Scout selbstständig. Gleich im ersten Sommer verdiente sie damit 9000 Euro. Tagessätze um 350 Euro sind bei Location Scouts üblich. Dafür muss sie die Stadt aus dem Effeff kennen, auch die ärmeren Ecken.
Wir fahren mit ihr ein paar typische Frankfurter Tatort-Locations ab. Das Hochhaus in der Thudichumstraße in Rödelheim.

_MG_5239Das wird immer  dann gezeigt, wenn die Leute arm sind.”Es gibt dort große Wohnungen, was in dieser Kategorie selten ist”, sagt Wassong.Und vom Dach aus hat man einen tollen Blick auf die Frankfurter Skyline.

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Drehs in sozialen Brennpunkten seien eine Sache für sich, sagt Wassong. Wer arm ist, würde seine Armut ungern im Film sehen. Bei Villenbesitzern sei es viel einfacher. Die zögen gegen ein gutes Honorar gern mal kurzfristig um. Um die geeignete Villa zu finden, schaut Wassong auch im Umland nach. Der Frankfurter Stadtwald, die Grünflächen entlang des Mains und das Taunus- Gebirge sorgen für Abwechslung beim Dreh. So bereist Kommissar Dellwo (Jörg Schüttauf) in “Neuland” (2009) die ländliche Gegend um Frankfurt. Fehlen in der Tatort- Agenda darf auch nicht der Frankfurter Flughafen, der größte Deutschlands. In „Der tote Chinese“ (2008) werden die Kommissare Dellwo und Sänger (Andrea Sawatzki) ins Flughafenhotel zur Leiche eines Asiaten gerufen. Das Ermittlerduo ging in der Nachfolge von Kommissar Brinkmann ab 2002 bis 2010 in insgesamt 18 Folgen auf Verbrecherjagd. 2011 übernahmen Kriminalhauptkommissar Frank Steier (Joachim Krol) und Kollegin Conny Mey (Nina Kunzendorf).
Zu Beispiel für den Einsatz im Rotlichtviertel Frankfurts, einem echten Drehort-Klassiker am Main._MG_5362 Im “Rough Diamond” in der Moselstraße 46 wurde der Tatort “Mauer des Schweigens” (2000) gedreht, bei dem es um einen Mord an einem Homosexuellen geht. Der Traum aus Gold und Plüsch hat sich in einen Landschaft mit weißen Ledersesseln gewandelt. Zwei Tage hat Wassong hier mit Sylvia Hoffmann gedreht. Und natürlich in einem der letzten offene Parkdecks in Frankfurt am Ende der Moselstraße, von dem aus man einen schönen Blick auf die vielen Balkone mit den roten Herzen hat. Ein beliebter Drehort hier ist das “Pik Dame”, in dem 1963 der erste Kabarettladen Frankfurt eröffnete. Die Einrichtung ist geblieben: Sofas, Tisch mit Lämpchen, drei Karussell-Pferde an der Bar. “Dass sind die dankbareren Aufgaben”, sagt Wassong. “Die Drehbücher beim Tatort sind sehr präzise.” Wassong bekommt neben dem Drehbuch zusätzlich genaue Anweisungen des Regisseurs und des Szenenbildners. “Da halt ich mich dran”, sagt sie. “Aber es kommt auch vor, dass ich wochenlang wie gewünscht die Villa um 1900 suche, und eine Woche später heißt es: hast du so was in modern?” Auch kein Problem. Jedenfalls nicht in einer so vielfältigen Stadt wie Frankfurt.