Ein geheimnisvolles Haus

 

_MG_5982Ein sonniger, kühler Frühlingstag in Essen. In Katernberg herrscht sonntägliche Ruhe. Nichts ungewöhnliches im Bergarbeiterstadtteil. 1986 schloss die Zeche Zollverein, 1993 die Kokerei. Eine Zäsur für den Stadtteil, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts um die Zeche herum gewachsen war. Die Industrie ging. Dann die Arbeitsplätze und zuletzt die Zechenhäuser. Die Abrissbirne suchte ganze Siedlungen heim. Die Zeche Zollverein ist heute Industriemuseum und seit 2001 Weltkulturerbe. Zu ehemaligen Kohlenwäsche gelangt man auf einer überdachten Rolltreppe. Rem Koolhaas hat den Anbau gestaltet. Dort, wo noch 1988 im Tatort “Der Pott” Arbeiter einen mutmaßlichen Verräter in ihren Reihen vom Förderturm stoßen wollten, befindet sich heute ein Gründerzentrum mit dem Namen “Zukunfts-Zentrum- Zollverein – Triple Z”. 2006, nach dem Abriss des ehemaligen Straßenbahndepots, entstand nach den Entwürfen der japanischen Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa der Zollverein-Kubus. Den nutzt die Folkwang-Universität für ihren Fachbereich Gestaltung.

Als wollte es gegen die Moderne trotzen, ragt der schlichte Häuserblock am Lindenbruch kühn gen Gelsenkirchener Straße. Vor den Gardinen stehen Blumentöpfe. Die ockerfarbene Fassade blättert an manchen Stellen ab. Ein Haus, wie aus der Zeit gefallen. Hinter dem Schild mit der Aufschrift “Sportfreunde Katernberg” steigen Aschewölkchen vom Fußballplatz auf.

Die zweite Mannschaft des Traditionsklubs SF Katernberg, der einst Hellmut Rahm in seinen Reihen wusste, schlägt sich wacker. Sieg im Heimspiel gegen die SuS Haarzopf. Herbert Kutsch (links) entschuldigt sich. _MG_6029Gerhard Velten, der Vorsitzende des Vereins, muss den Spielbericht schreiben. Aber er, der zweite Vorsitzende, gibt auch gern Auskunft. Er zeigt nach links. “Da vorn haben sie die Holztribüne hingebaut. 50 Leute konnten da sitzen. Speziell für den Tatort.” Kutsch vermutet, dass es auch um den Hintergrund ging. “Wir hatten die Vereinskneipe hier direkt nebenan, das passte ins Gesamtbild, und darum drehten die auch die restlichen Szenen gleich hier.” Die Vereinskneipe war früher in dem lang gestreckten Häuserblock am Lindenbruch ansässig. “Das Haus gehörte unserem Kassierer, den haben wir vor kurzem beerdigt.” Seit 15 Jahren sei die Vereinskneipe zu, seit Ewigkeiten sei niemand mehr drin gewesen. Dabei war das Haus am Lindenbruch 1976 ein wichtiger Drehort. Damals, als der von Hansjörg Felmy gespielte Kommissar Haferkamp in Essen ermittelte. In diesem Jahr verwandelten sich die Sportfreunde Katernberg für kurze Zeit in den Verein “Fortuna III” – und so hieß dann auch die “Tatort”-Episode. Die Geschichte rankt um einen 12 Jahre alten Herumtreiber namens Paul Starczik, der Ärger mit seinem Vater hat. Der ist Platzwart bei einem Betriebssportverein und will den Schulschwänzer am liebsten in ein Erziehungsheim stecken. Verständnis findet Paul nur bei Jul, dem Besitzer einer Likörfabrik. Als Paul auf dem Gelände einer verlassenen Zeche Jul bei einem Vergewaltigungsversuch ertappt, erpresst er seinen Gönner. Jul will den Jungen umbringen, aber hat die Rechnung ohne Kommissar Haferkamp gemacht.

_MG_6005Unter den von 1974 bis 1980 gedrehten Haferkamp-Tatorten gilt “Fortuna III” heute als der mit dem meisten Ruhrpott-Appeal. Zu sehen ist die 1973 still gelegte Zeche Pörtingsiepen, der Fußballplatz am Lindenbruch und die dazu gehörige Vereinskneipe, damals noch mit Kohlenkeller. Die Folge fängt die Atmosphäre des wirtschaftlichen Abstiegs im Ruhrgebiet der 70er perfekt ein. Jene Depression, die auf die kurzlebige Euphorie des Kohle-Booms der Nachkriegszeit folgte.