Tränen am Tränenpalast

Bildschirmfoto 2013-11-19 um 10.52.27Berlin ist eine Baustelle. Wenn eines gleich bleibt, dann der stete Wandel. Gleich zwei Binnenweisheiten, die aber in der Tatort-Stadt Berlin ihre Berechtigung haben. Wer sich davon überzeugen will, sollte sich auf die Spuren der “Tatort-Tour” heften, die an
unregelmäßigen Terminen am ARD-Infocenter in der Wilhelmstraße am Reichstagufer startet. An einem windigen, sonnigen Tag haben sich hier 30 Fans der Krimireihe versammelt. Unser Stadtführer macht die Tatort-Tour heute zum ersten Mal und ist etwas nervös. Darum möchte er nicht mit seinem Namen auftauchen, nennen wir ihn Herrn Lehmann. “Wenn Sie den Tatort Berlin betrachten, so bekommen sie immer nur Momentaufnahmen, wie die Stadt mal ausgesehen hat,” beginnt er. In der Tat gibt es kaum eine andere Stadt in Europa, in der in den letzten 40 Jahren mehr prägnante Neubauten hinzugekommen sind. In der ehemalige Brachen bebaut und ganze Stadtteile neu entstanden oder sich komplett wandelten.
Viel Umbruch ist zu besichtigen, seit im Jahr 1971 ein gewisser Kommissar Kasulke im ersten Berliner Tatort einer Bande von jugendlichen Pelzdieben nachstellte. Seilt 2001 ermitteln Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) bei der 5.Mordkommission des Berliner LKA. Alte Hasen sozusagen, aber etwas fehlt ihnen. “Die beiden haben keinen wiederkehrenden Ort, an dem sie sich treffen, wie etwa die Ermittler in Köln,” sagt Lehmann. Wir stehen aber nicht ohne Grund am nördlichen Ausgang des Bahnhof Friedrichstraße, am Schiffbauerdamm, Ecke Albrechtstraße. “An dieser Stelle haben sie Ritter und Stark dann doch mal einen Imbiss hingestellt.” Vorbild war die Wurstbraterei im Kölner Tatort. Dieser kommunikative Treffpunkt der Kommissare Ballauf und Schenk steht an exponierter Stelle am Rhein, um einen optimalen Blick über den Fluss auf den Kölner Dom zu gewährleisten. Gleich so in Berlin. Wenn wie in der Episode „Zartbitterschokolade“ im Hintergrund die S-Bahn vorbeifährt, weiß der Zuschauer sofort: wir sind in Berlin. Das sei beim Berliner Tatort sehr wichtig. Wir werden an der übernächsten Station erfahren, warum.
Doch zunächst zeigt Lehmann auf das “Spreedreieck” im Hintergrund, ein rund 4200 m2 großes Areal am Bahnhof Friedrichstraße. Das darauf stehende Bürogebäude in der Friedrichstraße 140 ist ein beliebtes Hintergrundmotiv beim Tatort. Bei älteren Folgen ist das Hochhaus noch im Rohbau zu sehen. “Da gab es ne Menge Ärger drum”, sagt Lehmann. Bis 1914 stand hier die Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen, dann lag das Spreedreieck lange brach. Zu zweifelhaftem Ruhm gelangte es, weil DDR-Behörden im westlichen Teil des Dreiecks 1962 das Abfertigungsgebäude für die Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstraße errichteten. Der “Tränenpalast” steht heute im Schatten jenes Hochhauses, welches der Architekturkritiker Dieter Bartetzko in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter der Überschrift „Die späte Rache der DDR” als „bauästhetisches und städtebauliches Desaster” sowie als “Plumpheit”, “ignorante Gemeinheit”, “grau und rostig” brandmarkte. Lehmann ist der gleichen Meinung. Er erinnert an den Wettbewerb von 1921, bei dem auch Mies van der Rohe einen Entwurf für die Bebauung des Spreedreiecks einreichte (Bild oben). “Ein wunderschöner Glaspalast”, schwärmt Lehmann.
Das man aus so einem auch auf die Straße fliegen kann, erfahren wir am Internationales Handelszentrum an der Rückseite der Friedrichstraße. In der Folge
„Dschungelbrüder“ warf hier Geschäftsmann Willi Amadou( John E. Yamaha) den armen Putzmann Koffi durchs Glas aus dem Fenster, weil der gegen den Willen von Amadou seiner Tochter zu nah gekommen war. “Versuchen Sie das mal, das geht überhaupt nicht”, tadelt Lehmann.
Wenn schon mal eine U-Bahn da ist, dann nehmen wir sie auch. Die Berliner Kommissare machen es ebenso. Häufig hört man den Satz: “War wieder Stau, ich hab die U-Bahn genommen.” In keiner deutschen Tatortstadt sind öffentliche Verkehrsmittel wichtiger als in Berlin. Für die Folge “Tod im U-Bahnschacht” (1975), in der es um einen jungen türkischen Arbeiter geht, der auf einer U-Bahn-Baustelle in Berlin verschüttet wird und stirbt, drehte das Tatort-Team sogar an der echten Baustelle des U-Bahnhofs Wilmersdorfer Straße – der CSU-Politiker Franz Josef Strauss beschimpfte die Tatort-Folge später als „Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage“.
Wie die meisten der Nachkriegs-Neubauten der Berliner U-Bahn entstand der U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße nach Entwürfen des Architekten Rainer G. Rümmler. Die Eröffnung war am 28. April 1978 im Zuge der Nord-West-Verlängerung der Linie U 7in Richtung Spandau.
Da dieser Bahnhof zu weit im Westen liegt, setzt sich der kleine Tross in Richtung Brandenburger Tor in Bewegung. “Also wenn im Berliner Tatort mal ein Fahrradkurier zu sehen ist, dann können Sie ziemlich sicher sein, dass er da durch radelt”, sagt Lehmann, der jetzt die Erklärung für den extremen Berliner Lokalkolorit nachliefert. “Nachdem Berlin Hauptstadt wurde, wollte man unbedingt den großen Hauptstadt-Tatort machen”. Der Tatort sollte zum Schaufenster der aufstrebenden Touristenmetropole Berlin werden. “Darum mussten ständig die wichtigsten Sehenswürdigkeiten ins Bild rücken.” Die Folge “Dagoberts Enkel” (1999) sollte der großen Aufschlag werden. Als Regisseur wurde mit Hajo Gies der Spielleiter des legendären ersten Schimanski-Tatorts “Duisburg-Ruhrort” verpflichtet. In “Dagoberts Enkel” ging es um einen Erpresser, der mit Bombenanschlägen in Postämtern droht und Geld fordert, bei der Übergabe der Polizei aber immer wieder entwischt. Die Folge machte wie erwartet große Schlagzeilen. Was aber hauptsächlich am “echten” Dagobert Arno Funke lag. Der findige Kaufhauserpresser verklagte den Tatort wegen des Titels.
Vom Brandenburger Tor ist es nur ein kleiner Fußmarsch bis zum Potsdamer Platz. IMG_0765“Den bieten die Location Scouts gern für Dreharbeiten an. Es stehen Wohnungen leer, und von oben hat man einen schönen Blick ins Sony Center.” Dieser
Großstadtmythos ist den Tatort-Folgen „Filmriss“ und „Eine ehrliche Haut“ zu besichtigen. Mit der U-Bahn geht’s zum Alexanderplatz. Hier verweilen wir am Drehort des aktuellen Tatorts “Machtlos” (2013), in dem es um einen ungewöhnlichen Fall von Kindesentführung konfrontiert. Ritter und Stark beobachten vom „Alexanderhaus“ einem Teil des Hochhaus- Ensembles am Alexanderplatz aus die Übergabe einer Tranche des Lösegelds – doch anstatt schnell mit dem Geld zu verschwinden, verteilt der Entführer das Lösegeld unter den Passanten.Der “Alex” ist ein authentischer Drehort. Daran, dass der Platz ein Brennpunkt der Kriminalität ist, hat sich seit den Zeiten von Alfred Dublins „Berlin Alexanderplatz“ nichts geändert. Es geht in Berlin aber immer noch eine Spur heftiger.

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Mit verschwörerischer Miene klappt Lehmann eine Mappe auf und zeigt eine Karte, auf der die Stellen mit der höchsten Kriminalitätsrate Berlins verzeichnet sind. Tiefrot eingefärbt ist das Kottbusser Tor. Stilecht nutzen wir für den Weg dorthin die U8, Berlins gefürchtetste U-Bahn, von der frechen Berliner Schnauze gelegentlich auch als “Orientexpress” bezeichnet. Armut trifft Junkies und Alkis, die Pulle Bier in der Hand gehört zum guten Ton. Das Klischee von der Dealer-Bahn bedient der Tatort gern: Kriminelle nutzen die U8 als Fluchtmittel oder handeln in den Gängen der Haltestellen. Am “Kotti” selbst ist es heute ganz friedlich -Berlin ist eben immer für eine Überraschung gut.