Ray Kurzweil, Director of Engineering, Google Inc.

Ray Kurzweil

2029 sollen Rechner eigene Persönlichkeiten haben. Der Futurist veröffentlicht im November sein neues Buch zu künstlicher Intelligenz. In New York kam Ray Kurzweil vor einigen Wochen mit einem Teenager ins Gespräch. “Die Dinge waren so anders, als ich acht war”, klagte der 16-Jährige in Bezug auf sein Smartphone. Ray Kurzweil, Autor, Futurist und Vorreiter auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz, gab dem jungen Mann Recht. “Ein Kind in Afrika mit einem Smartphone hat heute Zugriff auf mehr Wissen, als es der Präsident der USA vor 20 Jahren hatte”, sagte Kurzweil. Im November erscheint sein neues Buch “How to Create a Mind – The Secret of the Human Thought Revealed”.

Ein Smartphone mit der heutigen Prozessleistung sei nichts anderes als ein “kleines Stück Künstliche Intelligenz” (KI). Computer würden jeden Tag schlauer, die Prozessleistungen stiegen exponential an. Ein Segen, wie Kurzweil findet. “KI ist heute nicht im Besitz weniger Firmen, sondern weit verbreitet.”

In Science-Fiction-Filmen wird Kurzweil zufolge oft ein verzerrtes Bild der KI gezeichnet. Begonnen habe dies mit “HAL”. Jenem Computer aus Stanley Kubricks Film-Epos “2001″, der ein Bewusstsein entwickelt und menschliche Befehle verweigert.”

KI ist keine Alien-Invasion vom Mars”, sagte Kurzweil. “Wir haben diese Maschinen geschaffen und sie intelligent gemacht.” Wirklich intelligente Maschinen werde der Mensch aber erst dann bauen, wenn er die Funktionsweise seines Gehirn vollständig entschlüsselt habe. Dass dies durch das sogenannte “Reverse Engineering” möglich sei, legt Kurzweil in seinem kurz nach der Frankfurter Buchmesse erscheinenden Buch dar.

Kurzweil, der als einer der bedeutendsten Visionäre der IT-Welt gilt, gibt zu, dass nicht all seine Prophezeiungen zum richtigen Zeitpunkt eingetreten seien. Seine Vorhersagen eines Mega-Rechners mit 20 Petaflop Leistung sowie des Durchbruchs der Spracherkennung traten mit einiger Verspätung ein. Mit seiner Vision von 1980, dass das Internet dereinst von Hundertausenden genutzt würde, lag er aber richtig. Kurzweil, der zu dieser Zeit gemeinsam mit Bill Gates Microsofts erstes Produkt – die Computersprache Basic programmierte – gilt als Pionier in der optischen Spracherkennung. Er erfand eine Technologie, die geschriebene Texte in gesprochene Sprache umwandelte.

Kurzweils “Reading Machine” ermöglichte Sehbehinderten erstmals den Zugang zu normalen Drucktexten, indem es die Wörter in akustische Signale umwandelte. Sie gilt bis heute als größter Meilenstein zur gesellschaftlichen Integration Blinder nach der 1829 eingeführten Blindenschrift von Braille.

Erfinder wollte der US-Forscher schon im Alter von fünf Jahren werden. Als junger Student an der Massachusetts Institute of Technology (MIT) hatte der 1948 im New Yorker Stadtteil Queens geborene Autor noch gedacht, man müsse selbst eine Art Maschinenmensch werden, um mit Computern zu kommunizieren. “Heute stellen wir fest, dass die Computer sich eher uns annähern. Sie lernen Gesten und Sprachen.”

In einigen Jahren sollen Maschinen mithilfe von KI emotional reagieren können. Dann dürfte Kurzweil seine 20.000 US-Dollar behalten. Diese Summe hat der US-Forscher darauf gewettet, dass im Jahr 2029 ein Computer erstmals den sogenannten Turing-Test bestehen wird. Dieser stellt fest, ob eine Maschine ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen hat. Er gilt als bestanden, wenn ein menschlicher Fragesteller sich über eine Tastatur und einen Bildschirm ohne Sicht- und Hörkontakt mit zwei ihm unbekannten Gesprächspartnern unterhält und anschließend nicht exakt sagen kann, welcher der Mensch war und welcher die Maschine. “Die Computer werden dann sexy sein”, glaubt Kurzweil.

Guido Walter

erschienen unter anderem im Hamburger Abendblatt