Orte des Bösen, Teil 1

tatort-schussfahrt-3Der Blick in den Lauf einer Pistole, ein Schreckensschrei und dann der Schuss – dieses klassische Kintopp-Szenario ist im modernen „Tatort“ verpönt. Doch in seinen Gründerjahren ab 1970 war die Krimireihe durchaus beeinflusst von hölzernen Kriminalistik-Darstellungen, die etwa Durbrigdes “Das Halstuch” (1961) oder die Filme der Edgar Wallace-Reihe prägten. Ein gemeinsames Merkmal dieser Filme war die Ansiedlung der Fälle im Milieu der Reichen oder Adligen. Hier musste der schöne Schein gewahrt bleiben, und ein Mord versprach vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Zwänge noch mehr Konflikt und wohlige Schauer über die Verderbtheit der Bessergestellten. Der Tatort knüpfte an diese Tradition an. Erst Ende der 70er Jahre verlagerte sich das Geschehen zunehmend von der Villa in die Wohnung. Anders, als es die Verortung in der Ruhrpott- Metropole Essen vermuten lässt, waren die Haferkamp-Tatorte keine proletarische Veranstaltung. Der von Hansjörg Felmy gespielte Kommissar (siehe Bild oben) ermittelte häufig im Milieu der Wohlhabenden. Wobei sowohl die prächtigen Villen der Tatverdächtigen als auch die Landschaft verdächtig nach dem Münchener Umland aussahen – aus produktionspraktischen Gründen wurden häufig und gern dort gedreht. Ein Beispiel für einen Villentatort dieser Zeit ist “Rechnung mit einer Unbekannten” (1978): Ein Mann mittleren Alters begrüßt eine Frau, die er durch ein Zeitungsinserat kennenlernte, an einem Bahnsteig des Essener Hauptbahnhofs mit einem Strauß Rosen. Im Wohnzimmer seiner Villa stoßen die beiden auf ihre Bekanntschaft an. Freundlich fragt der Mann die Frau, ob sie nicht in Mainz anrufen und Bescheid geben wolle, dass sie gut angekommen sei. Als sie zum Telefonhörer greift und die Nummer wählen will, richtet der Mann eine Pistole auf die Frau und erschießt sie. Die Aufzählung der Villentatorte dieser Ära ist Legion. In “Der vergessene Mord” (19977) wird ein Großgrundbesitzer ermordet in seiner Villa aufgefunden, und Oberinspektor Marek ermittelt im hartnäckig im Milieu der oberen Zehntausend. In “Die Abrechnung” (1975) sucht Kommissar Haferkamp den Mörder des schwerreichen Herrn Stürznickel, der der gemeinsam mit einem ebenfalls toten vermeintlichen Einbrecher in der Villa Stürznickel liegt. Im Baden-Badener-Tatort “Tod eines Einbrechers” (1975) wiederum findet ein echter Einbrecher sein Ende in der Villa von Birgit Oppermann und ihrem Geliebten. Mondäne Wochenendhäuser, schicke Bungalows und Villen mit Blick auf Alster oder Isar – in den 70er Jahren war es im Tatort riskant, reich zu sein.

Fortsetzung folgt