Krokodile der Authentizität

Eine wenig beachtetes Verdienst des Actionfilms „The Expendables“ (2010) ist die Renaissance des Schauplatzes einer mittelamerikanischen, besser noch karibischen Bananenrepublik, die von einem „El Presidente“ beherrscht wird. In den 80er Jahren war dieser Ansatz in Serien wie „Das A-Team“ gang und gäbe, verlor aber wegen des Siegeszuges der Demokratie in Mittel- und Südamerika den realen Background.

Der in „The Expendables“ gezeigte General Garza präsentiert sich dagegen wieder im alten Stil als Fidel Castro-Persiflage. Bärtig, bewaffnet und in Camouflage. Ein nahezu getreues Abbild jenes aus den „Tropico“-Computerspielen bekannten „El Presidente“, der die Bevölkerung seines rückständigen Inselstaats in Tabakfabriken schwitzen lässt und Speichellecker wie den Radiomoderator „Juanito“ um sich schart, der stets von „statistischen Fehlern“ spricht, wenn das Volk murrt. Angesichts zeitgenössischer Figuren wie Hugo Chavez ist eine solche Darstellung durchaus wieder zeitgemäß.

Persönlich bevorzugte ich die weniger militaristisch anmutende Darstellung von Operettendiktoren. Luis Buñuel gelang dies mustergültig mit seinem Inseldespoten Carlos Barreiro (Andrés Soler, Bild links oben) in „Das Fieber steigt in El Pao“. Der pferdezüchtende Barreiro, stets fein gekleidet, hat den Ludergeruch der Revolution, durch die er an die Macht gelangte, längst abgeschüttelt. Er bleibt unnahbar, lässt sich allenfalls auf Plakaten huldigen. Buñuel konnte sich 1959 die damals noch im Amt befindliche Ikone aller Operettendiktatoren zum Vorbild nehmen: Rafael Leónidas Trujillo Molina, Diktator der Dominikanischen Republik von 1930 bis 1961. Der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen zum „El Presidente“ emporgestiegene, von Mario Vargas Llosa im Roman „Das Fest des Ziegenbocks“ verewigte Trujillo definiert bis heute alles, was Operettendiktatur ausmacht: Er benannte nicht nur einen Zerstörer der dominikanische Marine, sondern auch gleich die Hauptstadt nach sich. (Ciudad Trujillo heißt seit 1961 wieder Santo Domingo). Trujillo beherrschte alle wirtschaftlichen Ressourcen des Landes, Banken, Radio, Zeitungen, Zucker-, Rum- oder die Tabakindustrie. Obendrein verlangte der Benefactor de la Patria („Wohltäter des Vaterlandes“) gelegentlich Primae Noctis. Wer gegen Trujillos Herrschaft aufbegehrte, denn ließ sein Geheimdienstchef Johnny Abbes García („Kröte an Leib und Seele“,Vargas Llosa) schon mal lebendig an Krokodile verfüttern. Schade, dass Luis Llosa in seiner Verfilmung von „Das Fest des Ziegenbocks“ (2006) das Operettenpotenzial der Trujillo-Diktatur den Krokodilen einer historischen Pseudoauthentizität zum Fraß vorwarf.