Komm, lass uns dancen

Wieder einer, der zu laut Musik im Auto hört, dachte ich am Samstag, morgens um halb zehn auf dem Parkplatz des Metro Einkaufsmarktes am Berliner Ostbahnhof. Sekunden später fühlte ich mich alt. Denn Quell der den Boden erschütternden Bässe war keine mit Subwoofern vollgestopfte Tuning-Karre, sondern der Veranstaltungsort „Berghain“. Mit Rainald Goetz sah ich mich unwillkürlich selbst die Musik werden, inmitten von Drogen, Lichtern und Tänzern, bewegt vom großen Bum-bum-bum des Beats. Das Glückhafte des Kollektivtanzes erschloss sich mir allerdings selten. Meine Welt ist Tanzes ist jene, die exemplarisch in der Sendung “Aktenzeichen XY” um 1982 herum darstellt wird. Damals nahmen Mädchen und junge Frauen mit dem Daumen die definitiv falsche Fahrkarte, um Discotheken wie “Ranch 66″, “Blackjack”, “Moustache” oder “Tiffany” zu besuchen. Mädchen, die bei Freunden und Bekannten eher als schüchtern und zurückhaltend galten, aber mit ihren Altersgenossen die Begeisterung für Diskothekenbesuche teilten. Manchmal ließen sie sich auch zu einem Tapetenwechsel überreden, sie nahmen dann wiederum mit dem Daumen die falsche Fahrkarte, weil sie hofften, dass im “Flair”, “Easy” oder “Atlantis” was los ist. Denn damals gab es kein “Fun”, es war schlicht was los, oder eben nicht.
Vom Diskjockey hing das nicht ab. Das waren Dienstleister und keine bekoksten Kahlschädel mit Oakleybrille und VIP-Habitus, denen der unter ihrer Kanzel wogende Menschenteppich egal ist. Damals trugen sie Namen wie “DJ Manfred” und machten Ansprachen. “Und jetzt nehmen wir ein Bad in den Rivers of Babylon”, oder ähnliches. Ganz anders heute. Die Sendung “Achtung Kontrolle” gewährt grelle Einblicke in Gepflogenheiten der Dancefloor-Szene. Bodybuildertypen machen Stress auf der Tanzfläche, Tattoo-Miezen auf Alcopop kreischen herum. Früher saßen die Girls mit ihren Freundinnen am Tisch und tranken Bowle, und da trottet ein völlig fremder Langhaariger heran und sagt zu einer: Komm, lass uns dancen.