Kartoffelrestaurants: Die Kumulation von now-denial und underdogging

kkLook here, my Dear, it’s a typical german potato restaurant. So sprach ein Tourist zu seiner Frau, bevor er nach mir das Schaufenster des Restaurants “Kartoffelkiste” im Obergeschoss des Europa-Center in Berlin fotografierte. Es war, abgesehen von zwei älteren Frauen, die sich ein Kartoffelgericht schmecken ließen, zur Mittagszeit verwaist.  Die Damen genossen sichtlich das Essen und die Ruhe, welche dieser vergessene Winkel im Herzen Berlins garantiert.

Es gibt kaum eine unglamourösere Art Essen zu gehen als der Besuch eines Kartoffelrestaurants. Komm Schatz, zieh dir was schickes an, wir gehen heute Abend in ein Kartoffelrestaurant. Unvorstellbar.

Die subterrane Agrarfrucht gilt als klassische Beilage, und niemand geht einer Beilage wegen in ein Restaurant. Und doch ist die bloße Existenz der Gattung Kartoffelrestaurant ein Triumph der durch den “Kartoffelbefehl” Friedrichs II. 1756 in Preußen einführte Knolle: „Es ist von uns in höchster Person in unseren anderen Provinzen die Anpflanzung der sog. Tartoffeln, als ein sehr nützliches und sowohl für Menschen als Vieh auf sehr vielfache Weise dienliches Erd-Gewächse, ernstlich anbefohlen.”

These: Kartoffelrestaurants sprechen eher die ältere Generation an, junge Hipster verirren sich allenfalls in Begleitung von Eltern oder Großeltern hierher. Es ist Zeit für einen gemeinsamen Krisengipfel von Agrar- und Gastronomieverbänden. Tenor: die Kartoffel hat ihren Zenit überschritten, wir müssen Klimaneutralität und Nachhaltigkeit betonen, geeignete Marketingmaßnahmen sind dringend anzuraten. Aus Sicht der cultural studies stellt sich der Sachverhalt folgendermaßen dar: Die im Geiste der Pommes Frites erzogene jüngere Generation teilt nicht die Verehrung, die der Kartoffel von der Generation der Trümmerfrauen aus nachvollziehbaren Gründen entgegengebracht wurde. An einem Ort wie der “Kartoffelkiste” aber kumuliert der Now Denial, deren Anhänger sich fortwährend einreden, dass die einzige Zeit, die es wert war zu leben, die Vergangenheit war, mit der Underdogging-Neigung von Konsumenten der Generation X, die sich im Erwerb von weniger erfolgreichen, “traurigen” oder misslungenen Produkten ausdrückt. Das Logo der “Kartoffelkiste” weist eindeutig in diese Richtung.