Verfallen wie Ta Prohm

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts begann die Restauratoren und Architekten der École française d’Extrême-Orient (EFEO) die 1860 im Dschungel Kambodschas wiederentdeckten Heiligtümer von Angkor Wat zu katalogisieren. Mittels der Anastilosis-Methode baute der Archäologe Henri Marschall die zerfallenen Tempel aus Originalteilen wieder auf. Zuvor ließ er hunderte Bauten aus tropischer Vegetation freilegen – mit einer Ausnahme: Ta Prohm. Die vom späten 12. bis hinein ins 13. Jahrhundert unter der Regentschaft von König Jayavarman VII. errichtete, aus Tempel, Kloster, kleineren Gebäuden und einer Mauer mit Ecktürmen und Gopurams bestehende Anlage blieb bis heute in dem Zustand, in dem sie die EFEO vorfand. Vegetation und Mauersteine wurden nur entfernt, wenn sie die Sicherheit der Besucher gefährdeten. Das Gesamtkunstwerk Angkor Wat hätte durchaus mehr dieser Ausnahme vertragen, wie die große Beliebtheit von Ta Prohm heute belegt. Die im frühen Bayon-Stil errichtete Anlage bleibt wegen der Türme mit den Bodhisattva Lokeshvara-Gesichtern, vor allem aber wegen des halbverfallenen Zustands und der Würgefeigen im Gedächtnis, deren Wurzeln die Bauten überwuchern. Eine surreale Szenerie, von der sich “Lara Croft: Tomb Raider”-Regisseur Simon West überzeugen ließ, 2001 in Ta Prohm zu drehen.Bevor Angkor Wat in den Wirren des Vietnamkrieges und deer Herrschaft der Roten Khmer für Jahrzehnte als Schauplatz westlicher Filmproduktion ausschied, war die die Anlage letztmalig in Richard Brooks Abenteuerfilm “Lord Jim” (1965) zu sehen. Dessen Hauptdarsteller Peter O’Toole äußerte sich in einem 1971 geführten Interview allerdings weenie schmeichelhaft: “The three months we spent in Cambodia were dreadful. Sheer hell. A nightmare. There we were, all of us, knee deep in lizards and all kinds of horrible insects. And everyone hating us. Awful.”

erschienen im Magazin “Baumeister”, März 2012