Gegen die Coolness der Unordnung

Ridley Scott und sein Visual Futurist Syd Mead schufen 1982 mit ihrem Science Fiction-Epos “Blade Runner” einen neue Code für das Städtedesign des Genres. Aseptische Kunstwelten, noch 1976 in “Logans Run” zu besichtigen, stellten sie das Modell eines Stadtmolochs entgegen, dem man seine Geschichte ansieht. Geschäftsleute und Punks streifen im Dauerregen an Fassaden alter Stadthäuser vorüber, die sich im postmodernen Los Angeles des Novembers 2019 unter schwindelhohen Turmbauten ducken. Das Gotham City der Batman-Filme folgte Scotts neuen visuellen Standard, “Strange Days” und “Total Recall” ebenso.

Der Look von Zukunftsstädten im Film hatte fortan die Vergangenheit und das Werden einer Stadt zu integrieren. Cleane Kunstwelten dagegen funktionieren seit „Blade Runner“ allenfalls als Persiflage auf die Stadt von Morgen. Wie gelang es Regisseur Joseph Kosinski also, das Design von “Tron Legacy” gegen den Code des Genres zu inszenieren und sich dabei nicht lächerlich zu machen? Kosinskis von gleißenden Lichteffekten durchzuckte, aber ansonsten monochrome Cyberwelt “The Grid” dreht die Zeit zurück ins Jahr 1927, als Fritz Lang in “Metropolis” mit einer künstlichen, vertikal geschichteten Hochhausstadt Herrschaftsarchitektur symbolisierte.

In “The Grid” ragen lichtdurchflutete Hochbauten in einen tiefschwarzen Himmel. Fähren schweben um leuchtende Türme, die Rennen der Lichtmotorräder finden im Nirgendwo statt, einzig der „End of Line-Club“, in dem das Electro-Duo “Daft Punk” die Gäste beschallt, ist in dieser Illusion einer Stadt als Ort überhaupt erkennbar. Eine seelenlose Welt, inszeniert im ästhetischen Code früherer Zeiten. Doch Kosinski, der ein Architekturstudium an der Columbia University Graduate School of Architecture, Planning, and Preservation in New York absolvierte, hatte eine plausiblen Grund, sich der seit “Blade Runner” geltenden Coolness der Unordnung zu verweigern. Der Schöpfer von „The Grid“ ist der von Jeff Bridges verkörperte Kevin Flynn. Er allein ersann die Architektur, Kostüme und Fahrzeuge der Cyberwelt. Aus dieser Prämisse leitete Kosinski die Berechtigung ab, mit „Tron: Legacy“ ein Universum nach seinen Vorstellung zu erschaffen. Zumindest visuell ist ihm das gelungen.