Flaschenpost: Das langsamste Medium der Welt

Empty_bottleUm ein Haar hätte die alte Welt von der Entdeckung Amerikas durch eine Flaschenpost erfahren. Bei tosender See ließ sich Christoph Kolumbus 1493 an Bord des Seglers „Nina“ ein Holzfäßchen und Siegellack bringen. Alles war vorbereitet, die Reiseaufzeichnungen des Entdeckers den Wellen zu übergeben. Doch plötzlich legte sich der Sturm, und Kolumbus konnte Königin Isabella und König Ferdinand von Spanien persönlich Bericht erstatten. Die Geschichte der Flaschenpost ist voller Kuriositäten, Schicksale und romantischer Vorstellungen. „Eine Flaschenpost kann theoretisch zehnmal die Erde umrunden, ohne gefunden zu werden“, sagte der pensionierte Beamte, Diplom-Meteorologe und Flaschenpost-Forscher Günter Heise. In der Mitte des letzten Jahrhunderts kam Flaschenpost eine wissenschaftliche Funktion zu. Der Hamburger Lehrer Georg Ritter Balthasar von Neumayer kam auf die Idee, seetechnische Daten per Flaschenpost zu errechnen. Hamburger Seeschiff-Kapitäne bekamen von der Seewarte, dem Vorgänger des Hamburger Bundesamtes für Seeschiffahrt, leere Flaschen mit einem Meßdaten-Zettel mit an Bord. An einem bestimmten Längengrad warfen die Kapitäne die Flaschenpost mit dem ausgefüllten Zettel über Bord: „Der Finder der Flasche wird ergebends ersucht, sie an die Deutsche Seewarte zu übersenden“. Bei einer glücklichen Rückkehr konnten die Pioniere der Seewarte dann anhand der Zeit, die die Flasche bis zum Fundort brauchte, die Strömungswerte ausrechnen. In vier Bänden der Jahre 1864-1936 sind Strömungs-Meßdaten der Weltmeere verzeichnet. Die verzeichneten Längengrade und Minuten sind Daten mit eingeschränktem Nutzwert: „Durch eine Flaschenpost kann man lediglich sagen, daß zwischen Punkt A und Punkt B eine Verbindung besteht“, betonte Heise. Die Rückgabe der Flaschen an die Seewarte war Ehrensache- im verschlossenen Zustand, versteht sich. Um Leben oder Ehre muss heute aber niemand mehr fürchten, der eine Flaschenpost findet und öffnet. Noch um 1600 im England von Königin Elisabeth I (1533-1603) galt dies als todeswürdiges Delikt: Den Anlass hatte ein englischer Fischer gegeben, der eine Flaschenpost ahnungslos entkorkte, die von einem britischen Kriegsschiff für die Admiralität in die Strömung geworfen worden war. Darin waren Bewegungen feindlicher Schiffe verzeichnet. Der Fischer hatte Glück und blieb am Leben: Er konnte nicht lesen. Viele Flaschenpostzettel werden nie abgeliefert. Sie vermodern unter Seetang versteckt am Strand oder treiben jahrelang in einem Wirbel herum. Einige Flaschen aber erreichen schnell ihr Ziel. So fischte der britische Kapitän Story von der HMS Cabral 1902 nördlich der brasilianischen Küste bei Pará ein Glasgefäß auf, das im mittleren Atlantik von einem deutschen Schiff ein-gebracht wurde. Die Messung ergab, das die Flasche pro Tag 19 Seemeilen ( ca. 1 ½ km/h) zurücklegte- für eine Flaschenpost ein atemberaubendes Tempo. Noch heute ist die Flaschenpost ein Medium, dessen Inhalt stets eine besondere Beachtung zuteil wird. So übergab Pastor Carl Rice, allerorten nur „Flaschen-Prediger“ genannt, im Jahr 1986 ganze 58.000 Flaschen mit religiösen Traktaten in Kalifornien den Wellen des Pazifiks. Einige sollen über 4000 Seemeilen bis zu den Marshall-Inseln unterwegs gewesen sein. Weitgereist ist auch die älteste Flasche der Hamburger Sammlung: Von Bord des Segelschiffs „Norfolk“ wurde am 14. Juli 1864 eine verschlossene Rumflasche mit einem Meßdatenzettel über Bord geworfen. Nach drei Jahren spülte die See sie an die Südküste Australiens. Den Zettel schickte der Finder Michael O`Donohue zurück nach Hamburg. Rund drei Jahre war die Flasche 8524 Seemeilen (ca. 15.000 Kilometer) zwischen den Falkland-Inseln und Australien unterwegs. Die tägliche Reisegeschwindigkeit der weitgereisten Flasche betrug acht Meilen am Tag, bei den meisten Meeresströmungen sind es nur ein bis zwei Seemeilen. Verfänglichen Seegrasfeldern und scharfkantigen Felsen trotzte die Rumflasche, obwohl der Korkverschluß schon fast gänzlich vom Seewasser zerfressen war. „Die Wahrscheinlichkeit, daß eine Flaschenpost heil ankommt, liegt bei weniger als 10 Prozent“, versicherte Heise. Seit 1936 verlassen sich die großen Seeschiffe auf modernere Methoden: Rund 60 Messbojen schwirren in den Weltmeeren umher und funken unablässlich ihre Position an Satelliten. Alle Ergebnisse werden in neue Seekarten eingearbeitet. Seinen Charme hat das langsamste Medium der Welt deshalb noch lange nicht verloren. Gibt es einen ungewöhnlicheren Weg, einen anderen Menschen kennenzulernen? Flaschenpost-Experte Heise kennt die besten Versandstellen: An der Ostküste Eng-lands eingeworfen, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die deutsche oder dänische Nordseeküste erreicht. „Bis zu drei Jahre Geduld muß man aber schon haben.“ Der umgekehrte Weg ist viel schwieriger, von Deutschland oder Dänemark aus nach England zu gelangen, ist ein Kunststück. „Wenn die Flasche nicht im Watt stecken bleibt, treibt sie an Jütland vorbei und kann ins Nordmeer gelangen. Dann treibt sie meistens weiter in die Arktis oder bis nach Norwegen.“ Die Primaballerina Silvia Rudolph aus Hamburg-Altona hatte dieses Glück. Was dann geschah, klingt wie ein Märchen: Während eines Dänemark-Urlaubs 1991 hatte sie eine Flaschenpost mit ihrer Anschrift ins Meer geworfen. Nach 1600 Kilometern wurde sie bei Stavanger in Norwegen ans Ufer gespült. Der Fischer Birger Jensen fand sie. Einige Monate später heirateten die beiden. Wer selbst einmal eine Flaschenpost auf die weite Reise schicken möchte, dem sei als besonders schnelle Verbindung der Passatdrift zwischen Afrika und Südamerika empfohlen. Wer seine Flaschenpost dagegen nie wiedersehen will, sollte sie im Bermuda-Dreieck zu Wasser lassen. In den großen Seegrasfeldern der Sargassosee kann die Buddel 100 Jahre im Wirbel stecken.