Die Wandelbarkeit des Kapitalismus: Die Fratze des fossilen Fordismus

erschienen in: The European

Buntes Herbstlaub weht an die Pforten der Freien Universität Berlin. Weil alles so schnell hineinhastet, haben es die Flugblattverteiler eilig. Sie trägt ein Nasenpiercing zu den Dreadlocks, als gelte es, gleich ein paar Klischees über linke Studenten zu bestätigen. “Kennst du schon die International Students for Social Equality?” Und da taucht schon der Nächste auf, der einem was in die Hand drücken will. Wer hier alles mitnimmt, macht einen Fehler. Denn egal ob ISSE., Sozialistische Alternative SAV, Linke SDS oder Gegenstandpunkt: In den Flyern steht überall dasselbe drin: Der Kapitalismus ist gescheitert. Das hat die Krise bewiesen. Er muss abgeschafft werden. Weil er die Produktivkräfte der Menschheit blockiert.

Das klingt nicht nur wie Karl Marx, das ist er sogar. Das Original. Denn Marx gehört nach Meinung der Linken SDS, die den Kongress “Make Capitalism History” organisiert hat, wieder auf den Lehrplan. Über den Kapitalismus hinausdenken, das will man hier. Dafür sind die flauschigen Sweatshirts mit Salvador-Allende-Aufdruck und die DVDs über den gescheiterten Putsch gegen Hugo Chávez aber ganz schön teuer. Für Obst und Bionade reicht es gerade noch. Aufgepulvert mit Vitaminen geht es über rotes Linoleum gen Seminarraum. Die meisten Besucher sind um die zwanzig, tragen Hoodies oder Funktionsjacken, Rucksäcke und Chucks. 30-, 40-Jährige sieht man kaum. Wohl im Produktionsprozess eingebunden. Dafür gibt es viele ergraute Altlinke vom Typ “Studium im Alter.” Sie alle können zwischen 13 “Analyse-Inputs” wählen, zu Themen wie “Kämpfe in der neoliberalen Stadt”, oder “Die Rückkehr des autoritären Staats”.

Dutschkemäßig voll wird es bei Joachim Bischoff, der über “Der lange Abschwung – Krisentendenzen des Kapitalismus” doziert. Der Alt-SDSler ist ein Grande unter den Altlinken, er sitzt heute für die Linken in der Hamburgischen Bürgerschaft und gibt die Zeitschrift Sozialismus heraus. Er skizziert kurz seinen Lebenskampf. Soldatisch knapp, als würde hier ein Kriegsveteran Bericht erstatten. Wegen Anti-Vietnamkriegsengagements 1966 aus der SPD ausgeschlossen. Nach dem Radikalenerlass aus dem Hochschuldienst entlassen. Von seinem Wahlaufruf für die von der SED gelenkte “Sozialistische Einheitspartei Westberlins” erzählt er nichts.

Aber wollte er bestimmt. Da trottet eine Mittzwanzigerin mit Strickschal herein. “Bin ich hier richtig im Aufschwung des Kapitalismus?” Aus der letzten Reihe tönt es: “Nein, im Abschwung.” Bischoffs Kodozent Lucas Zeise, Autor des Buchs “Ende der Party – Die Explosion im Finanzsektor und die Krise der Weltwirtschaft”, lacht nicht mit. Er doziert säuerlich über die Ursachen der Krise, die seiner Meinung nach in der Vergangenheit liegen. Maggie Thatcher und Ronald Reagan. Und ihr Neoliberalismus, der ja eigentlich schon 1987 am Ende war. Doch dann hat die Öffnung im Osten dem Kapital wieder neue Märkte erschlossen. Und Asien erst! Dieser schlaue Kapitalismus. Wie er immer wieder einen Ausweg findet.

Zeise, der mal Ressortleiter Finanzen bei der Financial Times Deutschland war, schwimmt beim Thema Spekulation etwas. An den Börsen würde nur “nichts gegen nichts” getauscht. Dass mit dem wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens auch dessen Aktien wertvoller werden, kommt ihm nicht in den Sinn. “Aber was ist eigentlich Geld? Geld ist ja auch nichts.” Und so weiter und so fort. Bischoff zeigt noch ein paar Charts. Immer mehr Kapital bleibt bei den Kapitalisten und immer weniger bei den Lohnabhängigen. “Das ist eine Jahrhundertkrise des Kapitalismus”, frohlockt Bischoff. Das Dia hinter ihm zeigt die allbekannte Geisterflotte vor Singapur. Die größte Ansammlung von Schiffen in der Geschichte der Menschheit, das Symbol für die Krise des Welthandels. Mittlerweile haben die meisten der Containerpötte Anker gelichtet. Dax und Dow-Jones-Index haben sich verdoppelt.

Aber das passt nicht ins Bild. Es würde ja die Freude über die große Systemkrise des Kapitalismus trüben. Die hat Bischoff schon Jahre zuvor vorhergesagt und die soll jetzt bitteschön auch eintreffen. Gibt es keine Lösung? Hier nicht. Aber so schnell soll man die Hoffnung ja nicht aufgeben. Kleine Pause, dann weiter zum nächsten “Analyse-Workshop”. “Gehst du auch mit zum Konsumterror?” Der Typ von Attac schüttelt den Kopf. Seine Leute interessieren sich mehr für “Ist der Green New Deal die Lösung?” mit Frieder Otto Wolf. Der grüne Kapitalismuskritiker sinnt im Hawaiihemd und mit hinter dem Kopf verschränkten Armen darüber, ob sich der Kapitalismus mit grüner Technik jetzt in eine neue Ära des nachhaltigen Wachstums begibt.

Da ist er wieder, dieser schlaue Kapitalismus, der allen linken Denkern in ihrer Blase so wunderlich erscheint. Wieder geht es um Spekulationsblasen, die ja alle seit jeher gesteuert und geplant sind. Von den Chicago-Boys zum Beispiel. “Wir stehen vor der großen Transformation des Fordismus”, sagt Wolf. Endlich ist auch er wieder da, der gute alte Fordismus. Mit seiner Theorie wollten die Marxisten sich erklären, wie es zur Entwicklung des Wohlfahrtsstaats kam, obwohl der Kapitalismus ja eigentlich an seinen inneren Widersprüchen längst zusammengebrochen sein sollte. Im Auditorium wird bedauert, dass der Green New Deal ja auch schon wieder kapitalistisch ist. Marx hat doch gesagt, dass, wenn es um Profite geht, alle Grenzen eingerissen werden. Der wahre New Green Deal wäre nur in einer “demokratisch geplanten Wirtschaft” möglich.
Planwirtschaft? So weit will Wolf noch nicht gehen. In seiner Zeit als Europaabgeordneter der Grünen sind ja von den Kapitalisten durchaus vernünftige Sachen beschlossen worden, zum Beispiel der Handel mit Emissionsrechten. Aber dann ist er wieder voll bei den jungen Heißspornen. Wir verbrennen fossile Brennstoffe, als gäbe es kein Morgen. Autofahren ist quasi kriminell, weil zukünftige Generation nicht darüber abstimmen können. Die Fratze des fossilen Fordismus, sozusagen. Und wir brauchen weniger Wachstum, aber mehr Beschäftigung. Wer das bezahlen soll, sagt er nicht. Höchstens das: Wir brauchen mehr Finanzbeamte, um die Reichen abzukassieren. Fordismus hin, Transformation her. Eines hat der Kongress “Make Capitalism History” bewiesen. Die altlinke Palaverkultur lebt. Und ganz nebenbei auch folgendes: Der Kapitalismus funktioniert, selbst im Lager seiner Feinde. Am Ausgang der Uni liegen Werbeflyer des Modelabels Karl Maxx aus. Das ist “Streetwear für Toleranz, Respekt und Aktion”, fair gefertigt und gehandelt, und auch nachhaltig, sofern man den “Pflegetipp von Karl Maxx” beachtet: “Klamotte nicht im Trockner trocknen.” Dieser schlaue Kapitalismus. Er lässt sich wirklich immer etwas Neues einfallen.

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