Apotheose des Produkts

IFA Berlin

Messen wie die IFA sind Produktgottesdienste und ich bin der letzte, der das kritisiert. Der Mensch tritt angenehm, ganz im Sinne eines transhumanistischen Ideals, hinter das Produkt zurück. Als sein schickes Accessoire oder als huldvoller Bewunderer. In meinem Bekanntenkreis wird die IFA gemieden. Stichwort Reizüberflutung. Meine Seele dagegen entspannt sich in der wohligen Produktwelt. Ein Flow der Ödnis trägt mich von Halle zu Halle. Noch eine Halle. Und noch eine. Ich hab so Lust auf Fernseher. Menschen bewundern Produkte. Stehen Schlange nach Luftballons. Werfen Bälle. Nehmen an Verlosungen teil. Clowneske Moderatoren mit gescheiterten Gesichtern quäken in Mikrofone. Ich schwebe über dicken Flor, nehme alles im transzendenten Zustand wahr. Die Apotheose des Produkts, sein Sieg über den Menschen. Die IFA der Menschen, die IFA von damals, ist blasse Erinnerung. Früher, als alles besser war, präsentierten sich Fernsehsender in Gala. Für Besucher Shows und Stars. Für Journalisten Havelzander. Nichts davon ist geblieben. Ein paar Alibi-Areale von ARD und ZDF dienen nur dazu, anwesende Gebührenzahler zu sedieren. Früher war man hier den Stars aus Funk und Fernsehen nahe. Einmal Hans Rosenthal live erleben.

Was bleibt, ist die Suche nach dem absoluten Erstarrungspunkt in dieser wohligen Ödnis. Standmenschen in kaninchenstallartigen Quadraten, umgeben von Produkten. Das Herz der Ödnis? Ein Stand, zwei mal zwei Meter. Wandbefestigungen für Fernseher, aus Taiwan. Kabelanbieter zwischen Stellwänden, dazwischen eine Bühne, völlig unvermittelt und nirgendwo dazu gehörend, auf der sich zwei Ausdruckstänzerinnen räkeln. Ihre aus künstlerischen Gründen erstarrte Mimik korrespondiert mit den Frostgesichtern der Standleute. Nicht weit davon, in Halle 13, liegt das Herz der Ödnis begraben. Im Gesicht eines kraushaarigen Mannes mit sorgfältig geschnittenen Kevin-Kurányi-Bart, der von Produkten umstellt mit völlig erstarrtem Gesicht auf dem Stuhl sitzt. Zu den Produkte seiner Firma gibt es keine Nachfragen. Eine Hostess, die künstlich dafür sorgen könnte, fehlt. Nichts lenkt den Mann davon ab, mit offenen Augen zu schlafen.