Der verschwundene Lotus-Brunnen

lbAm Wochenende kam ich endlich mal wieder dazu, das Europa-Center in Berlin zu besuchen. Dieses Einkaufszentrum, ein 1963 durch den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt eingeweihter und 1965 fertig gestellter Gebäudekomplex von 80.000 m² Gesamtfläche, löst in mir noch heute starke Gefühle aus. Vordergründlich mag dies angesichts des schlichten, kastenförmigen, zweigeschossigen Sockelbaus seltsam erscheinen. Ähnliche Gefühle bringe ich dem ICC entgegen, was manche noch merkwürdiger finden dürften. Auf der Suche nach einer Erklärung muss ich in die 70er und 80er Jahre zurückgreifen. Jeder, der sich in jener Zeit vom Bundesgebiet aus kommend Richtung Berlin bewegte, musste auf Transitautobahnen das Gebiet der “DDR” durchqueren. Das bedrückende Gefühl der Willkür kam schon bei der Grenzkontrolle auf. Während der Fahrt über holprigen Autobahnasphalt bestand jederzeit die Gefahr, von so genannten Volkspolizisten angehalten und verhört zu werden. Wer dieses Gefühl nachempfinden möchte, dem sei der Tatort “Transit ins Jenseits” (1976) ans Herz gelegt. Wie im Krimi, so auch in der Realität endete die Beklemmung und das dumpfe Gefühl der Bedrohung, sobald man die Grenze zum Westen Berlins passiert hatte. Erleichterung durchströmte jede Körperpore, wenn das ICC, wie ein Leuchtturm der Freiheit, in der Ferne auftauchte. Es symbolisierte das Selbstbewusstsein Berlins, sich auch in der erzwungenen Insellage im internationalen Kongress- und Messegeschäft zu behaupten. Das Europa-Center wiederum war der gelungene Versuch, ein Büro- und Einkaufszentrum nach amerikanischem Vorbild zu errichten. Es verkörpert wie das ICC für mich das Gefühl von Freiheit und Sicherheit. Kein in den 90er Jahren oder später errichtetes Gebäude vermag so etwas in mir auszulösen wie diese modernen, historischen Gebäude.

Der städtebauliche Prozess kennt diese sentimentale Komponente nicht. Er denkt über reinen Denkmalschutz nicht hinaus. So ist das ICC in seiner jetzigen Form ebenso gefährdet wie das Europa-Center. Dieses befindet sich seit Aufgabe der Kunsteisbahn in einem der Höfe 1979 in Erosion. Das 1965 eröffnete Europa-Center-Kino “Royal Palast” schloss 2004 seine Tore.

Als ich am Samstag durch das Europa-Center ging, fiel mir auf, dass im Wasserbecken im zweiten Innenhof der Lotus-Brunnen der Pariser Künstler Bernard und Francois Baschet verschwunden war. Eine Nachfrage bei Stefanie Liesegang vom Europa-Center ergab, dass sein Schicksal von den Bauarbeiten am Café „Tiffany‘s” abhängt. Bei Umbauarbeiten im Jahr 2012 wurde das optischen und akustischen Elementen versehene Wasserspiels entfernt. “Ob es wieder flott gemacht wird oder ganz ausgemustert wird, wissen wir derzeit nicht”, sagte Liesegang. Sie schien überrascht, dass mich eine solche Nebensächlichkeit so interessiert. Der Grund dafür ist, dass es für mich keine Nebensächlichkeit ist. Das alte Westberlin der 70er und 80er Jahre verschwindet, und kaum einer scheint es zu merken.