Das Ungeheuerliche als Konsens

In der Rezeption von “Alles, was wir geben mussten”, Mark Romaneks und Alex Garlands meisterhafter Adaption des für den Booker Prize nominierten Romans von Kazuo Ishiguro, gibt es den Einwand, dass die Schicksalsergebenheit der Retortenkinder im Roman schlüssig erklärt wird, nicht aber im Film. So richtig der Einwand auf den ersten Blick scheint, liegt ihm doch möglicherweise eine Unterschätzung des Regisseurs inne, der sich neben dem passablen Stalker-Drama  “One Hour Photo” hauptsächlich als Video- und Werbeclip-Regisseur einen Namen machte und dem jetzt einer dieser seltenen Filme gelang, die man nie mehr vergisst.

In “Alles, was wir geben mussten” geht es um eine Gruppe Schüler des fiktiven Internats Hailsham, die durch die Indiskretion einer Lehrerin erfahren, dass ihre gesamte Existenz nur einem Ziel untergeordnet ist. Als junge Erwachsene müssen sie ihre Organe spenden, wobei nur die wenigsten die dritte Spende überleben. Kathy (Carey Mulligan), Ruth (Keira Knightley) und Tommy (Andrew Garfield), die Jahre nach der Internatszeit in streng kontrollierten “Cottages” leben, klammern sich an eine verzweifelte Hoffnung: Angeblich dürfen liebende Paare die erste Spende hinauszögern. Gleiches wird “Betreuern” gewährt, die sich um ihre Anvertrauten vor und nach der Operation kümmern.

Romanek inszeniert vor der Herbstkulisse britischer Landschaften. Es ist eine wohlhabende, in kalte Farben getauchte Welt, die so viele Fragen offen lässt, dass man irgendwann die Hoffnung aufgibt, sie sich durch den Film zu erschließen. Eine innere Logik fehlt. Romanek erklärt nichts, er deutet nur an. Es bleibt wage, warum junge Menschen im England der 70er Jahre als Organreservoir gezüchtet wurden, ob die zutiefst menschlich charakterisierten Organspender Klone sind, wie der Überwachungsapparat ihrer Erzieher funktioniert und welche Legitimation er hat. Mit voller Wucht trifft den Betrachter die Apathie und Resignation von Kathy, Ruth und Tommy. Warum wehren sie sich nicht? Warum lassen sie sich von anonymen Profiteuren im wahrsten Sinne des Wortes ausweiden? Man sieht es und hofft auf die Wende. Als sie dann nicht geschieht, beginnt man die Absicht zu ahnen, die subtile Darstellung einer Gesellschaft, die sich auf das Ungeheuerlichste als Konsens einigt.