Das non-liquet kollektiver Jugenderinnerung

Bei ihrer Adaption der Abenteuercomicserie „Tim und Struppi“ entschieden sich Steven Spielberg und Peter Jackson für das Performance Capture-Verfahren, welches über Motion Capture in sofern hinausgeht, dass es Gesichts- und Fingerbewegungen miteinbezieht. Es stellt somit den derzeit höchstmöglichen Grad an Realismus dar, der im Trickfilm derzeit erreichbar ist. Wer die individuellen Zügen eines Menschen noch detaillierter darstellen will, kann nur einen Realfilm machen. Spielbergs und Jackson Verzicht darauf ist als Hommage an Hergés „Ligne claire“ interpretierbar, jenen Zeichenstil des Belgiers, der durch präzise Konturen und eine flächige einfarbige Kolorierung  sowie die Abandonnierung von Schraffuren und Schattierungen charakterisiert ist. Comic-Puristen halten “Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn” vor, sich visuell zu weit von der Vorlage entfernt zu haben. Andererseits sind gezeichnete Trickfilmdadptionen wie das werktreue “Tim und der Haifischsee” (1972) im 3D-Zeitalter kaum vermittelbar. Es ist also nichts verwerfliches daran, visuell das Original nur anzudeuten, wenn man den Kanon des Werks respektiert. Für diesen Weg hat sich auch der Architekt Christian de Portzamparc entschieden, der das im wallonischen Louvain-la-Neuve angesiedelte Hergé-Museum gestaltete. Es liegt zwar passenderweise in der Labradorstraße 26, Tims Adresse vor seinem Umzug in den Mühlenhof, aber ansonsten vermied de Portzamparc beim Design weitgehend alles, was konkret an einen bestimmten Comic aus Hergés Oeuvre erinnert. Die stilisierte Hochhausfassade im Foyer oder das Karomuster an den Wänden deuten lediglich den Stil des Zeichners an, eine schöne Reminiszenz an das non liquet kollektiver Jugenderinnerung. Leichter zuzuordnen, aber ebenso werkübergreifend immanent sind die Exponate. Zu sehen sind unter anderem Reinzeichnungen,  eine Nachbildung der Statue des Ritters von Haddock, eine Krabbendose sowie Ottokars Zepter.