Akazienweg

Niederländische Forscher um Merel Kindt von der Universität Amsterdam fanden kürzlich heraus, dass eine spezielle Substanz den Zugriff auf bestimmte Erinnerungen aus dem sogenannten Angstgedächtnis blockieren oder diese vielleicht sogar löschen kann. Ich bin an dieser Substanz aus persönlichen Gründen sehr interessiert, denn ich möchte meine Erinnerung an die „Aktenzeichen XY“-Sendung vom 28.01.1977/Filmfall 3, gern blockieren.

Für die Einordnung der damaligen Ereignisse bedarf es einer Exergese des Traumapotenzials von Filmen und TV-Sendungen. Dessen Nachhaltigkeit verhält sich ja bekanntlich diametral zur Monstrosität des Gezeigten. Bereits William Friedkins „Der Exorzist“ (1973) zeigte, dass der Schrecken am Größten ist, wenn das Monster eben nicht zu sehen ist. Allenfalls Kinder etwa erschrecken die zotteligen Morlocks in George Pals „Die Zeitmaschine“ (1960). Die nächste Stufe auf der Abstraktionsskala kennzeichnen Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ (1963), Sean S. Cunningham „Freitag der 13. (1980), Jack Arnolds „Tarantula“ (1955). Diffiziler der Angst-Clown in der Verfilmung des Stephen King-Romans „Es“ (1990), auf den US-Serien heute noch gern bezug nehmen. So leidet der Staranwalt Alan Shore in „Boston Legal“ an Coulrophobie. Eingang ins kollektive Traumagedächnis Deutschlands dagegen fand der von Gerd Fröbe verkörperte Handpuppenspieler in „Es geschah am hellichten Tag“.

Dadurch, dass mit Tieren, Kalenderdaten, Puppen oder Clowns Harmloses sich mit Horror auflädt, entfalten es ungleich mehr Schreckenspotenzial als etwa King Kong oder Godzilla, hinter deren brüllender Fassade kein Mysterium lauert.

Der höchste Trauma-Effekt entfaltet sich aber, wenn fast nichts, oder überhaupt nichts gezeigt wird. Und damit wären wir wieder bei „Aktenzeichen XY“. Jene Sendung, die als Objekt traumapsychologischer Betrachtung nur bis 1997 ernst zu nehmen ist, erhob den Minimalismus des Monströsen zur Kunstform. Es sei an den Fall erinnert, als Kinder beim Waldspaziergang mit der Familie vorausliefen und eines der Kinder ausrief: „Mami guck mal, da wachsen Haare aus der Erde.“

Mein persönliches Trauma aber ist der Filmfall 3 in der Sendung vom 28.01.1977. Allein der Name des Falls lässt Kennern Schauer über den Rücken laufen: Akazienweg. An einem warmen Sommernachmittag sitzen Jugendliche, darunter auch die Tochter des Hauses, im Garten des Hauses der Familie Spinner im Offenburger Akazienweg. Am frühen Abend stoßen auch Mutter Irma Spinner und Sohn Walter Spinner („Wutz“) dazu. Die Mutter, müde von einem langen Einkaufstag, zieht sich schnell ins Haus zurück. Ebenso rasch verschwunden ist Walter Spinner, der sich noch mit Freunden im nahgelegenen Kastanienhof treffen möchte. Am Abend steht überraschend ein unbekannter, junger Mann mit langen Haaren im Garten und fragt nach „Wutz“. Die jungen Leute geben Auskunft, wundern sich aber („Ich glaub, der hat ne Macke“).

Später am Abend sehen zwei Zeugen, dass der Langhaarige eine junge Frau verfolgt und scheinbar im Spaß mit ihr kämpft. Ein Fahrradfahrer stößt kurz darauf beinahe mit dem Langhaarigen zusammen. In der Nacht kehrt Walter Spinner vom Kneipenbesuch zurück und legt sich sofort zu Bett. Am nächsten Morgen wundert sich „Wutz“, das er nicht wie üblich seine Mutter und seine Schwester frühstückend in der Küche vorfindet.

Er öffnet die Schlafzimmertür, „XY“-Sprecher Wolfgang Grönebaum kommentiert: „Und dann macht Walter Spinner die schrecklichste Entdeckung seines Lebens.“ Gezeigt wird nichts. Der Beitrag ist zu Ende. Eduard Zimmermann sitzt im Studio. Vor ihm eine mit braunem Stoff bespannte Platte mit Besteck darauf. Er sagt: „Wir haben Ihnen im Filmbericht von der Tat mit Absicht nichts gezeigt, meine Damen und Herren. Wenn Sie sich dieses grauenvolle Sortiment von verbogenen Gabeln und Messern ansehen, dann wissen Sie warum.“